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Die Lokale Agenda 21 in der VG Wörrstadt

Vortrag von Dirk Kron, ICLEI, bei der Auftaktveranstaltung am 30. Mai 2000

Stellen Sie sich einmal vor: Ihre Kinder haben Platz zum Spielen, direkt vor der Haustür, seit die Straßen ruhiger und der Verkehr weniger geworden ist. Ihre Tochter wird morgens vom Kleinbus der Elterninitiative zum Kindergarten gebracht; Sie haben weniger Stress und der viertel-vor-acht-Uhr-Stau vor dem Kindergarten entfällt, was auch die Nachbarn freut. Im Sommer werden die Kinder sogar von einer Fahrradrikscha abgeholt, die ein radfahrbegeisterter Frühpensionär betreibt.

Zur Arbeit gelangen Sie per Bahnanschluss oder per modernem Schnellbus, ein Angebot, das Sie gemeinsam mit den örtlichen Verkehrsbetrieben in einer Arbeitsgruppe „Mobil auf dem Land“ entwickelt und optimiert haben. Ihr Auto darf derweil rosstgeschützt in der Garage ausruhen, bis es wirklich gebraucht wird.

Ein regelmäßiger Bauernmarkt versorgt Sie mit gesunden Lebensmitteln aus der Region. Im Laden um die Ecke - ein Nachbarschaftsladen, gemeinsam mit den anderen Anwohnern genossenschaftlich betrieben - bekommen Sie fair gehandelten Kaffee, ökologisch produzierte Milch, Briefmarken auch nach 18 Uhr und treffen Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft. Der wöchentliche Großeinkauf  enfällt, per Telefon oder Email bestellen Sie beim Supermarkt einen Warenkorb ab 50,- DM, der Ihnen nach Hause geliefert wird.

Zu Hause fühlen Sie sich wohl in ihrem neugebauten Plusenergiehaus, indem Sie, statt Nebenkosten für Strom und Wärme zu zahlen, monatliche Nebeneinnahmen von ein paar hundert Mark erzielen, indem Sie überschüssigen Strom an den örtlichen Energieversorger verkaufen.

Oder Sie erfreuen sich an ihrem 150 Jahre alten Bauernhaus, das dank der Initiative PrimaKlima im Alten Haus der VG Wörrstadt preisgünstig und energieeinsparend saniert werden konnte, wärmegedämmt ist und über eine nahezu emissionslose Heizungsanlage (Brennwertkessel) verfügt.

Ihr jugendlicher Sohn nimmt an der regionalen Schule am Wahlpflichtfach „Nachhaltige Entwicklung teil“ und weist die jungen Energiedetektive der fünften Klasse in ihr neues Tätigkeitsfeld ein: Energiesparmöglichkeiten entdecken und damit die Klassenkasse aufbessern. Der örtliche Sportverein hat soeben den Wettbewerb energiesparende Turnhalle gewonnen, und das Rathausdach ziert seit kurzem eine Solaranlage, die 70 Hauhalte mit sauberem Sonnenstrom versorgen wird. 

Ältere Menschen gehören schon lange wieder zum Ortsbild und werden nicht ins Altersheim oder nach Mallorca verfrachtet. Seit es Nachbarschaftskonzepte gibt, in denen Alt und Jung in direkter Nähe wohnen, sich Einkaufen oder Kinderbetreuung teilen.

Schön, dass in der Verbandsgemeinde Wörrstadt das Zusammenleben so viel Spaß macht. Zwischen Bürgern und Gemeinderäten funktioniert ein kurzer Draht, anstehende Entscheidungen werden frühzeitig und fair miteinander diskutiert, statt Profilierungsgerede bestimmen Weitblick und verantwortliche Vorausschau die Entscheidungen...

Nein, meine Damen und Herren, das, was ich Ihnen hier erzähle, ist keine Spinnerei, sondern eine kleine Vision. Bestehend aus Beispielen, die hier und dort bereits Wirklichkeit werden oder Wirklichkeit sind.

Und wie wird Wirklichkeit? Indem wir sie gestalten. Indem viele Menschen einer Gemeinde, eines Stadtteiles oder eines Kreises sich an der Ideensuche und ihrer Verwirklichung für eine lebenswerte Vision beteiligen.

Und die lebenswerte Vision, um die es heute Abend hier geht, ist die Vision einer nachhaltigen, einer zukunftsbeständigen Entwicklung, so wie sie in Rio de Janeiro 1992 als Leitmotiv für das 21. Jahrhundert formuliert wurde.

Leitbilder und Visionen sind noch keine Wirklichkeit. Aber sie sind hilfreich. Sie geben unserem Tun eine Richtung, denn Taten ohne Visionen produzieren oftmals Albträume. Visionen ohne Taten bleiben hingegen Träumereien. Damit die Welt von morgen kein Albtraum und nicht bloße Träumerei bleibt, geht es darum, gemeinsam Hand anzulegen.

Ihre Gemeinde, die VG Wörrstadt, hat Sie heute Abend gebeten, hierher zu kommen, um eine Einladung auszusprechen. Eine Einladung an Sie, sich zu beteiligen, an dem, was man Lokale Agenda 21 nennt.

Lokale Agenda 21 – ein Fahrplan für die Vision einer zukunftsbeständigen Entwicklung, ein gemeinsamer Ideenwettbewerb für eine zukunftsfähige Gemeinde. Es geht darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Zu entdecken, was ihre Verbandsgemeinde auszeichnet, was sie lebenswert macht und was noch ansteht, was noch zu tun ist, um das Ziel einer zukunftsbeständigen Entwicklung zu erreichen.

Zukunftsbeständige Entwicklung, das heißt so zu leben, dass wir weniger Ressourcen verbrauchen als bisher. In den kommenden 50 Jahren müssen wir unseren Energieverbrauch um mindestens 80% senken, das geht nicht per Verordnung – sondern nur durch technische Innovation und durch gemeinsames Handeln.

Wir Menschen in den sogenannten Industrienationen verbrauchen 80% der Energie und Rohstoffe, die diese Erde uns zur Verfügung stellt. Und dabei stellen wir nur ein Fünftel der Weltbevölkerung. Nachhaltige Entwicklung heißt auch gerechte Entwicklung. Wir müssen uns also anstrengen, brauchen Entwicklungsprojekte für den Norden, denn eine zweite Erde, die wir bräuchten, wenn alle Menschen soviel Energie, Fläche, Rohstoffe verbrauchen und soviel Abwärme, Co2 und Abfälle produzieren würden wie wir alleine in Deutschland, die haben wir nicht.

So wie wir heute planen, so wie wir heute entscheiden, so wie wir heute handeln – so werden wir morgen leben. Und an diesem Planen, Entscheiden und Handeln möchte Sie ihre Gemeinde beteiligen. Also machen Sie mit, steigen Sie ein in den Zukunftszug namens Lokale Agenda 21.

Wenn Sie so wollen, ist Lokale Agenda 21  so etwas wie ein gemeinsames Qualitätssicherungsprogramm, hier bei Ihnen zu Hause. Und die Qualität, die sie sichern wollen, ist Lebensqualität: die Ihre, die Ihrer Kinder und die der Nachbarn und nachfolgenden Generationen.

Es geht also darum, Lebensqualität zu sichern, mit einem Weniger  Verbrauch an Rohstoffen, an Energie, an unverbrauchten Flächen. Mit einem Mehr an sinnvoller Arbeit, einem Mehr an lebendigen Miteinander, einem Mehr an guten Ideen und vielen Händen, die mitmachen, gute Ideen umzusetzen.

Lokale Agenda 21 ist der Weg hin zu dieser Vision einer Nachhaltigen Entwicklung. Überall im Lande Rheinland-Pfalz, in ganz Deutschland sind es schon über 1500 Gemeinden, trifft man und Frau sich an „Runden Tischen Energie“, an Zukunftstischen „Jung & Alt“ , in Arbeitskreisen „Regionale Wirtschaft“ oder in Zukunftswerkstätten zur Gestaltung von Plätzen, neuen Baugebieten oder der Nutzung der leerstehenden Schule.

Es geht darum, den lokalen sanften Tourismus anzukurbeln, Bauern miteinzubinden, wenn es um Ferienkonzepte geht, Gastronomie und Landwirte zusammenzubringen, wenn es um regionale Rezepte und regionale Mittagstische geht.

Zukünftiges Wirtschaften ist nicht nur global, sondern auch regional und lokal, weil Dienstleistungen am Ort der Bedürfnisse erbracht werden müssen, weil Reparaturarbeiten anstehen: Produkte werden zunehmend durch Dienstleistungen ersetzt. Und diese finden vor Ort statt. Entwickeln Sie Ideen für Arbeits- und Ausbildungsplätze in Ihrer Gemeinde, Perspektiven für den Arbeitsmarkt, Ideen für einen bewussten Konsum, für örtliche Dienstleister, für Handwerksbetriebe, für Ausbildungsplätze.

Lokale Agenda 21, das ist ein örtliches Zukunftsprogramm, das alle Lebensbereiche umfasst. Die Erfahrung zeigt:  suchen Sie sich einige Bereiche aus, beginnen Sie mit ein paar Schwerpunkten, beginnen Sie dort, wo Sie gut auf  Bestehendem aufbauen können, oder wo einiges im Argen liegt, z.B.:

-  Gemeinde der kurzen Wege
-  Umweltfreundliche Mobilität und Verkehr
-  Umwelt und Bildung
-  Ernährung und Konsum
-  Flächensparendes Bauen
-  Lebensräume, für Jugendliche, Kinder, Ältere Menschen
-  Familienzeiten.

Sie werden später Gelegenheit haben, sich zu informieren, an welche Themen hier in der VG Wörrstadt bereits gedacht ist.
 
Jetzt interessiert Sie sicherlich die Frage, Was kommt denn so raus bei Lokalen Agenda-Prozessen an anderen Orten. Bleiben runde Tische Inseln der schönen Gedanken, oder wird auch was aus den vielen Worten und Ideen? An Orten, in denen dieser Diskussionsprozess schon eine Weile läuft, entstehen:

-  Bebauungspläne, die keine Strafe sind, weder für die, die dort leben sollen,
   noch für die Zukunft der Gemeinde
-  wird Konsens erzielt über sinnvolle Verdichtungen in Ortskernen und Erhalt
   alter Bausubstanz
-  wird über Organsierte Anhaltersysteme im ländlichen Raum nachgedacht
-  wird das 3-Liter- Haus mit der Sonne auf dem Dach statt dem Energiekonzern
   im Tank gebaut
-  werden Bauern- oder Nachbarschaftsläden eingerichtet
-  entstehen regionale Bauernmärkte mit regionalen, umweltfreundlich
   produzierten Lebensmitteln, mit Kinder-Second- Hand, fairem Kaffee und
   Dienstleistungen, die zu mieten sind
-  entwicklen sich Bürgerbörsen für nachbarschaftliche Hilfen vom Rasenmähen
   bis  zur Näh-und-Stopf-Hilfe
-  entstehen Energiesparkonzepte für örtliche Großverbraucher
-  werden Fifty-fifty-Modelle in Schulen eingeführt
-  gibt es Recyclingbörsen und Flohmärkte
-  entstehen von Gemeinde und Eltern und Kindern gemeinsam gestaltete
   Spielplätze
-  sorgen Energieagenturen für Beratung und Förderung erneuerbarer Energien
   und Energiespargeräte
-  und und und.

Die Schwerpunkte hier vor Ort, die setzen Sie!!

Beteiligen Sie sich an einer Lokalen Agenda. Bringen Sie Ihre Ideen ein und Ihren Willen, aus Ideen Veränderungen wachsen zu lassen.

Die Verbandsgemeinde lädt Sie hierzu ein. Wie das erfolgen kann, werden Sie später erfahren.

Sicher wird sich nicht alles sofort und gleich realisieren lassen. Die Welt zu verändern, braucht meist mehr als einen Tag Zeit. Nutzen Sie die Zeit, die Sie miteinander haben. Die Erfahrungen in anderen Gemeinden zeigen, dass sich was tut. Dass lokale Agenda eine neue Partnerschaft sein kann zwischen Verwaltung und Bürger, Bürger und Politik, Neubürger und Alteingesessenem, jung und alt.

Lokale Agenda 21, das sind mehr als 21 gute Ideen für Ihre Gemeinde. Das sind mehr als 21 kluge Köpfe. Das sind mehr als nur Ideen.

Lokale Agenda 21 ist ein Beitrag
-  wirtschaftliche Stabiliät zu sichern
-  Natur und Umwelt zu erhalten
-  und die sozialen und kulkturellen Lebensbedingungen zu verbessern.

Nachhaltige Entwicklung, die lässt sich nicht verordnen, sondern gemeinsam gestalten.

Die Zukunft ist offen, beteiligen Sie sich daran!  


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